Wer wir sind

Genau einen Monat vor den Wahlen in Thüringen organisiert Fridays For Future am 27. September in Erfurt eine landesweite Großdemonstration, um auf gravierende Missstände in der Klimapolitik aufmerksam zu machen. „Landtagswahlen sind Klimawahlen – es geht schließlich um unsere Zukunft“, sagen die Schüler und Studenten aus Erfurt und Umgebung, die für den Klimastreik bundesweit Unterstützung erfahren. Mehr als 2000 Menschen werden erwartet, Teilnehmer aus ganz Deutschland, unter anderem aus München, Kassel, Berlin und Frankfurt, haben ihr Kommen bereits zugesagt. „Wir laden ab 12 Uhr zu einer Auftakt-Veranstaltung am Hirschgarten ein, werden dann durch Erfurt ziehen, um unser Anliegen deutlich zu machen, und haben für die Abschluss-Kundgebung am Thüringer Landtag einige der angesagtesten Bands im Programm“, macht Marwin Volk neugierig. Teilnehmer übernachten anschließend in z.b. von Kirchengemeinden zur Verfügung gestellten Räumen. Die Orga-Gruppe freut sich gerade über den starken Rückenwind. Gewerkschaften und die Erfurter Verkehrsbetriebe, Politiker, Wissenschaftler, Pfarrer und Kirchgemeinden unterstützen offen oder indirekt die Aktionen von Fridays For Future.

„Wir arbeiten gerade hart dafür, dass diese Demo ein toller Erfolg wird.“ Die 12 Schüler und Studenten im Organisationsteam von Fridays for Future Erfurt brennen für ihre Sache und treffen sich gerade mehrmals pro Woche. Entscheidungen werden basisdemokratisch gefällt, jeder bringt sich mit seinen Fähigkeiten ein. Sie sind gegen die Ausgrenzung von Menschengruppen, setzen sich aktiv für Umweltschutz ein. Alle zwei Wochen gibt es deshalb ein „Clean-Up“ in Erfurt mit bis zu 40 Menschen, die in verschiedenen Gegenden Müll einsammeln. „Schon verrückt, was wir da alles finden, was Menschen einfach so auf die Straße oder in den Fluss kippen.“ Die Achtlosigkeit der Menschen regt sie auf. „Zigarettenkippen, Getränkedosen, Tüten und Plastikeimer, wir müllen uns zu!“ „All das landet ja dann in den Meeren und verteilt sich über den ganzen Globus.“ Wie viel kann die Erde verkraften?

„Wir erleben gerade den zweiten trockenen Sommer hintereinander, wir sehen die Dürre auf den Feldern und in den Gärten, die abgestorbenen Bäume im Thüringer Wald – und die Politiker debattieren darüber, welche Regierung daran schuld sei,“ sagt Marwin Volk. Wie darüber diskutiert wird, das erleben die freiwillig engagierten Schüler und Studenten auf ihren 14-tägigen Demonstration freitags nach Schulschluss immer wieder. Die Schuld werde bei anderen gesucht, anstatt zu handeln. „Was noch schlimmer ist: der Klimawandel wird einfach geleugnet und Zusammenhänge nicht erkannt. Natürlich hat es mit unserem Lebenswandel zu tun, wenn Gletscher schmelzen und das Polareis den Meeresspiegel ansteigen lässt!“ sagt Annika Liebert. „Aber wir müssen gegensteuern. Freiwilligkeit alleine hilft nicht.“

„Das geht uns alles viel zu langsam,“ meint auch Matuš Volkmann. „Die Politik erkennt gerade die Brisanz nicht und verschläft und vertagt wichtige Entscheidungen. Denen sitzen die Lobbyisten im Nacken. Aber es geht um unsere Zukunft, die Zukunft unseres Planeten, unser aller Zukunft. Politiker sind gewählt, um die Interessen ihrer Wähler zu vertreten, nicht nur die Interessen einzelner!“ So fordern sie konkrete Maßnahmen von einer zukünftigen Thüringer Landesregierung, setzen sich für die Verkehrswende, mehr öffentlichen und bezahlbaren Nahverkehr, 100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035 und Aufforstung zur Klimakompensation ein.

„Wir sind meilenweit davon entfernt, die Klimaziele vom Pariser Klimaabkommen zu erreichen. Wir müssen handeln – sofort!“ Auf der Pariser Klimaschutzkonferenz (COP21) im Dezember 2015 haben sich 195 Länder erstmals auf ein allgemeines, rechtsverbindliches weltweites Klimaschutzübereinkommen geeinigt, das die Erderwärmung auf 1,5° C gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzen soll. „Wir müssen die Emissionen von klimaschädlichen CO2 radikal begrenzen, sonst kippt die Erde,“ sind sich Klimaforscher einig. Was das für Auswirkungen hat, ist jetzt schon zum Teil sichtbar: lang anhaltende Hitze- und Dürreperioden, Extremregen mit massiven Auswaschungen, Extremwetter-Situationen mit Sturm und Hagel. „Noch haben wir die Chance und damit die Verantwortung, eine Klimakatastrophe abzuwenden. Doch in den Sektoren Energieerzeugung, Wohnen und Bauen, Industrie, Transport und Verkehr sowie Landwirtschaft sind dafür enorme Anstrengungen nötig. Wir können nicht immer mit dem Finger auf andere Länder zeigen, wir müssen selbst unsere Hausaufgaben machen!“

Über 27000 Klima-Wissenschaftler, das sind 99,7 %, sind sich einig, dass der Ausstieg aus fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdgas und Erdöl bis 2035 gelingen kann. „Die Technologie haben wir – keiner muss Angst haben, dass hier der Strom ausgeht. Alles andere ist pure Angstmacherei.“, meint Max Sommerfeld. „Alle Welt schaut auf Deutschland. Wir sind Ideengeber und die wirtschaftlich stärkste Nation. Wenn wir es schaffen, schaffen es alle.“

Bericht von Thomas Volkmann, Pfarrer und freier Journalist in Thüringen